Der Rabbi hat immer Recht? Die Kunst Probleme zu lösen.

Buchbesprechung von Philipp Mähr
Dr. oec. HSG, 
Partner der Synorga AG
philipp.maehr@synorga.ch

 

Zugegeben, ich bin nicht der gläubigste Mensch auf Erden. Ich war zwar erst kürzlich in der Kirche. Das war bei der Konfirmation meines Sohnes und das wiederum zeigt, dass ich reformiert bin. Was also interessiert einen wie mich am Buch „Der Rabbi hat immer recht“. Meine Distanz zur Kirche und zu Religiösem hat vielleicht auch etwas Gutes. Ich bin dafür offen für Spannendes, egal welcher Couleur und – weiss Gott – das habe ich hier gekriegt!

Angezogen wurde ich vom zweiten Teil des Titels: Die Kunst, Probleme zu lösen. Nicht: „Toolbox zur Bewältigung strategischer Herausforderungen“ oder „the new approach to successful problem solving“. Es ist von einer Kunst die Rede. Das interessiert mich. Es suggeriert, dass hinter dem Thema mehr steckt als Logik, Deduktion, Nutzwertanalysen etc. Seit ich Ephraim Kishon’s Buch „Drehn Sie sich um, Frau Lot „  gelesen habe, weiss ich, dass die jüdische Erzähltradition nicht nur inhaltlich spannend, sondern  auch enorm witzig sein kann, seit Daniel Kahnemanns Buch „schnelles Denken, langsames Denken“, dass ich dort viel zum Thema Problemlösung lernen kann. Und wenn ich mit meinem Verdacht richtig liege, habe ich nun auch erkannt, aus welcher Weisheitstradition das Johari-Fenster kommt oder Kolbs Lernkreis, Lewins Action Research und noch einiges Anderes, was für mich theoretisch (und vor allem auch praktisch) sehr wertvoll wurde in meiner Arbeit als Berater und Trainer. 
 
Nilton Bonder ist Brasilianer, in New York zum Rabbi ausgebildet. Er leitete Workshops für IBM und Time/Warner zum Thema „Spiritualität und Management“. Das alles verspricht eine grenzüberschreitende Erfahrung für einen Ökonomen wie mich zu werden. 
 

Zu Struktur und Inhalt

Dies ist das erste Buch, das ich zweimal las, bevor ich es hier bespreche. Das hat verschiedene Gründe: Erstens ist das Buch angenehm dünn und gross geschrieben. Der Stil ist flüssig, es gibt eine Fülle von Rabbi-Anekdoten, bei denen man sich das Lachen nicht verkneifen kann und es hat eine gut nachvollziehbare Struktur. Es ist also im Nu gelesen. Das Problem dabei ist, dass die „Brutto-Lesezeit“ viel länger ist, als die „Netto-Lesezeit“, das heisst, die Gedanken werden (zumindest bei mir) permanent auf die Reise geschickt. Das Buch zusammen mit meinen eigenen Gedanken ist mindestens doppelt so lang und sehr dicht gewoben. Es gelang mir beim ersten Mal einfach nicht, die vielen Ansatzpunkte und Erkenntnisse zu bewahren. Daher las ich es ein zweites Mal und dabei machte ich mir eine Menge Notizen. Ich weiss jetzt schon, ich werde es wieder lesen, dann allerdings nur noch passagenweise, um mir einzelne Eindrücke wieder vor Augen zu führen. 
Nun aber zu Struktur und Inhalt: Das Werk ist in 4 Teile unterteilt: Wissen oder „die Welt in der Erkennbares erkennbar ist“, Verstehen oder „die Welt in der Erkennbares verborgen ist“, Weisheit oder „die Welt in der Verborgenes erkennbar ist“, Glaube oder „die Welt in der Verborgenes verborgen ist“. In der Einleitung wird zuerst der jiddische Kopp (diese spezielle Kunst des Querdenkens in extremis) anhand der Cliffhanger von Flash Gordon erklärt, was etwas schon klar macht: Der Autor hat keine Berührungsängste, weder zu „Trivialem“ noch zur Ökonomie, weder zu den Naturwissenschaften noch zur klassischen Belletristik. Er wählt sich immer das Beispiel aus, dass den Gedanken seines Erachtens am besten auf den Punkt bringt. Das funktioniert bei mir prächtig. Auf Seite 13 lese ich dann das Motto der nächsten rund 150 Seiten: „Das vorliegende Buch widmet sich der Kunst, neue Bezugsrahmen zu schaffen…“
 
Das geschieht behutsam, in dem der Leser zuerst in die erste Welt, die Wissenswelt, geführt wird, die jeder Logiker kennt und liebt. Immer wieder gibt es aber geistige Nadelstiche. Zum Beispiel: Man soll niemals eine gute Frage gegen eine Antwort austauschen. Na, hat es bei Ihnen funktioniert? Hat diese Aussage Ihren Geist auf die Reise geschickt? Solche Hinweise, Paradoxien, Sinnsprüche werden Sie beim aufmerksamen Durchlesen ganz viele finden. Wie gesagt: Zu viele für mich für eine Lesung. Auf Seite 44 ff  kommt eine Schlüsselstelle, eine Geschichte aus der mystischen Tradition des Judentums. Eine Geschichte, die die Gefahren der Reise durch die Gedanken (die oben beschriebenen 4 Welten) aufzeigt und für die Navigation durch die anderen, schwierigeren 3 Welten vom Leser benutzt werden kann. Die Entdeckungsreise geht mit dem Verstehen, der Welt, in der Erkennbares verborgen ist, weiter. Es ist verborgen, weil es durch etwas anderes verdeckt wird. Der Leser erfährt verschiedene Wege und Möglichkeiten, wie das Verborgene enthüllt werden kann, ohne beim Demaskieren zu verletzen. Die Reise setzt sich mit der Weisheit fort. Immer tiefer taucht man hinein in eine Welt, die mehr schemenhaft ist, die sich dem Verstand behutsam entzieht, ohne den Boden der Realität zu verlieren. Die Denkrichtung wird beim Leser langsam umgedreht. In der Welt der verborgenen Dinge „…erhellt die Logik nicht, dort löscht sie vielmehr aus.“ 
 
Hört sich das für Sie wenig konkret und praktisch an? Dann lassen Sie sich überraschen von den Tipps, wie sie selbst in der Welt, in der das Verborgene verborgen ist, klarkommen und sie sogar geniessen können. 
 

Zusammengefasst

Der englische Buchtitel bringt es auf den Punkt: „Yiddishe Kop.Creative Problem Solving in Jewish Learning, Lore and Humor.“ Das kriegt ein offener Leser in 160 unterhaltsamen, anregenden und anspruchsvollen Seiten geboten. Rabbi Nilton Bonder bietet eine Reise durch den Geist an, die sich lohnt, die aber nicht einfach ist. Das Büchlein erfordert die volle Aufmerksamkeit. Zu leicht übersieht man sonst eine interessante Stelle, einen wichtigen Bezugspunkt im Puzzleteil der 4 Welten. Und je weiter sich ein logisch zu denken glaubender Mensch wie ich von seinem gewohnten Terrain wegbewegt, umso schwerer werden die Schritte. Belohnt werden Sie dabei reichlich. Das schönste dabei ist, dass es ihre eigenen Gedanken sind, die Sie sich schenken. Und wie jeder weiss: Was von einem selbst kommt, wird mühelos angenommen.



Der Rabbi hat immer recht. Die Kunst Probleme zu lösen.
Rabbi Nilton Bonder 
160 Seiten
Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg 2013
ISBN 978-3-89670-883-0
www.carl-auer.de